Yogapraxis

26. August 2016

Kommentar zu einem Beitrag bei BBC Radio 4: Yoga-Sutra, Rig-Veda, Upanishad

http://www.bbc.co.uk/programmes/b07flbst

Die geheime Geschichte des Yoga

In diesem Radiobeitrag wird dargelegt, dass unsere heutige Yogapraxis mitnichten uralt sei, sondern erst im frühen 19. Jahrhundert entstand. Die Idee, Yoga sei eine alte indische Tradition, eine zeitlose Disziplin, die über lange Zeit vom Lehrer zum Schüler weitergegeben wurde, wird in Frage gestellt.

Asanas sind keine Yoga

Der Historiker Mark Singleton legt dar, dass einer der ersten Brahmahnen der im Westen angebliche Yogaübungen vorführte (Babalakshim Das) ein religiöser Schwindler gewesen sei, der einfach nur eine clevere Idee hatte um zu Geld zu kommen. Auch Vivekananda, der 1893 beim Parlament der Religionen in Chicago einen Vortrag über indische Religiosität hielt, unterrichtete Meditation, nicht Asanas. Da die meisten Yogaübungen heute dynamisch, also in Bewegung ausgeübt werden, seien sie nicht „sthira“, nicht stabil und somit kein Yoga.

Im klassischen Verständnis geht es im Yoga um die harmonische Integration der Persönlichkeit in 5 Bereichen: physikalisch, mental, emotional, sozial und spirituell, das meiste davon durch Meditation (still sitzend) erreichbar.

Die heutige Asana Yogapraxis ist demnach ein Ergebnis der Integration von schwedischer Gymnastik aus dem frühen 19. Jahrhundert, gepaart mit Elementen aus dem body building und von militärischem Körper-Training.


Kommentar:

Ob eine Idee nun tausend Jahre alt ist, oder 20 – ist das wichtig? – so lange sie gut ist und für mich funktioniert und sich richtig anfühlt. Ich integriere in meinen Unterricht auch Elemente aus Feldenkrais und Pilates (ebenfalls aus dem letzten Jahrhundert). Auch Übungen der Physiotherapie gleichen oft unseren Yogapositionen. Letztlich arbeiten wir alle mit dem selben Körper, nur mit unterschiedlichem Schwerpunkt was die Wirkung anbelangt.

Für mich gehört zum Yoga neben der Asana-Praxis selbstverständlich auch der Atem (Pranayama) und die Meditation. Beides wird durch die Körperarbeit unterstützt und erleichtert.

Der Yogastil in dem ich ausgebildet wurde, „Anusara“, wurde erst 1997 von John Friend gegründet, er basiert auf „Ijengar-Yoga“, ist aber für westliche und steife Menschen gedacht, liebevoll angepasst, und für unseren ruhelosen Geist noch mit Theorie/Philosophie und Gedanken zur inneren Haltung angereichert.

Einige Yoga-Schriften sind tatsächlich ziemlich alt, z.B. die Veden, die Upanischaden und die bekannteste Schrift, das Yoga-Sutra“ von Patanjali. Darin findet sich nur ein kleiner Abschnitt zu Asanas, also Körperübungen und der heißt in etwa: „das Asana sollte sowohl sthira (= fest/stabil) als auch sukha (= leicht) sich anfühlen/ausgeführt werden“. Und Asana heißt ursprünglich nur „Sitz“. Der Sitz der nötig ist, um zu meditieren. Irgendwann hat man festgestellt, dass nur ein gesunder Körper lange genug sitzen kann …

Hierzu gibt es mehrere Theorien. Einerseits war die Praxis von Körperübungen so selbstverständlich, dass es nicht für nötig gehalten wurde, dies schriftlich festzuhalten. Dann waren die Menschen so aktiv in der Natur unterwegs und haben so schwer körperlich gearbeitet, dass eine zusätzliche Bewegungsform lange Zeit nicht nötig war. Und nicht zuletzt kommt auch der Yoga aus einem patriarchalischen Gedankenhintergrund. Die unteren 3 Chakras (Erde/Wasser/Feuer), der Körper selbst, das Leben in der realen Welt (als verschleiernde Maya) und alles Weibliche wurde sehr sehr lange abgewertet. Es galt, diese zu überwinden und zu transzendieren, durch Meditation (im Sitzen ;-). Nur die oberen Chakras, die geistigen Fähigkeiten und die mentale „Erleuchtung“ war Sinn, Zweck und Ziel des Yoga und erstrebenswert.

Erst mit der historischen Zeit des Tantra – 400 v.Ch. bis 500 n.Chr. (! das Wort wird heute leider sehr mißbraucht) wurde erkannt, dass auch der Körper und das Leben auf der Erde wichtig und sinnvoll ist. Hier entstand dann auch eine Kultur des Körpers, mit Atem- und Körperübungen.

Der „Ur-Vater des modernen Yoga“, Krishnamacharya hat seine eigenen Entdeckungen der alten Traditionen entsprechend immer als „von außen bzw. durch Eingebung und von Gott empfangen“ dargestellt. Einiges wird er von seinem Lehrer erhalten haben über den wenig bekannt ist, einiges angeblich aus uralten Schriften auf Bananenblättern die nicht mehr existieren. Während einer Trance in seiner Jugend hat er lange verschollen geglaubte Schriften empfangen und niedergeschrieben. Sicherlich hat er die Bewegungsrichtungen seiner Zeit beobachtet und vielleicht auch in seine Praxis integriert. Auch hat sich seine Unterrichtsform während seines Lebens immer wieder gewandelt. Vergleicht man den Stil seiner ersten Schüler mit dem seiner jüngeren, so zeigen sich große Unterschiede.

Ganz nebenbei war er der erste Brahmahne der es wagte, sich über Regeln hinwegzusetzen und eine Frau im Yoga zu unterrichten (Indra Devi).

Ich denke, es hat zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften spirituelle Bestrebungen gegeben die sich sehr oft auch ähneln. Ebenso wie jeder Mensch unterschiedlich ist, gibt es aber auch hier verschiedene Formen. Das gilt sowohl für die Körperübungen als auch für die Übungen für den Geist. Was starr und unbeweglich ist, vergeht, was sich mit der Zeit und den Anforderungen wandelt und anpasst, das wird auch in Zukunft genutzt werden. Ich werde Yoga sicherlich noch sehr lange praktizieren, und bin gespannt darauf, wie sich meine Yogapraxis weiter entwickelt.

Brigitte Heinz (Yogalehrerausbildung im Openlotus 2012)

Dazu noch einen Filmtipp: http://www.deratmendegott.de

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