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Die reine Motivation

Diese Lehre adressiert die entscheidende Thematik, warum wir spirituelle Praktiken üben und lädt uns ein, uns unserer (manchmal unbewussten) Motive gewahr zu werden; Beweggründe, die aufgrund unserer Konditionierung auftauchen und die manchmal unsere Praxis sabotieren und ein Erreichen des Ziels verhindern.

© Christopher D. Wallis (Hareesh) · The Pure Motivation · 14.01.2016, Foundational Reading #3
genehmigte Übersetzung (06.2019): Brigitte Heinz, Lektorat: Eva Ananya


In diesem Beitrag möchte ich eine der wirksamsten Lehren aus der Tradition des Tantra teilen. Die Teilnehmer meiner 40-day Awareness Challenge (40-Tage-Gewahrsein) empfanden diese als außerordentlich wirkungsvoll. Traditionell wird sie ‚Reines Motiv’ genannt, präziser wäre ‚Effektives Motiv’.

Lasst uns zunächst die drei „unreinen Motive“ betrachten, erst dann können wir die Kraft der Reinen Motive verstehen. Das Wort „unrein“ bedeutet in diesem Zusammenhang lediglich „ineffektiv“. In indischen Volksmärchen heißt es, die Milch einer Löwin sei so machtvoll, dass sie nur in einem Behälter aus purem Gold aufbewahrt werden kann. Jede Verunreinigung des Behälters kommt bald ans Licht, denn an diesen Stellen zerfrisst die Löwenmilch das Gefäß. Ein Gefäß ohne “Verunreinigungen” ist einfach eines, das kraftvolle Substanzen effektiv aufbewahrt. Diese Metapher auf Yoga angewendet bedeutet, der Körper ist das Gefäß, die Löwenmilch ist die transformierende Energie die durch die Yogapraxis erzeugt wird, und die Unreinheiten sind Beweggründe für die Praxis, die auf subtile Art und Weise nicht mit dem Ziel übereinstimmen (dies ist für alle Yoga-Richtungen gleich: Erwachen und Befreiung). Ein unreines Motiv ist schlichtweg nicht zielführend.

Wir alle beginnen unsere Yogapraxis (oder jede Form spiritueller Disziplin) zunächst aus unreinen Motiven heraus. Soll die Praxis Früchte tragen, müssen wir die reinen Motive entdecken und umsetzen. Solltest du an diesem Punkt der Erörterung misstrauisch sein, so geht das in Ordnung! Ich bin sicher, deine gesunde Skepsis wird sich auflösen, wenn du verstehst, welches die Reinen und die Unreinen Motive sind.

Unreines Motiv #1:

Dein Selbstbild ist gebrochen, du fühlst dich beschädigt, unvollständig und sündenbehaftet. Du praktizierst Yoga in der Absicht, dich selbst zu ‚reparieren’.

Mit einer solchen Motivationsgrundlage kannst du das Ziel nicht erreichen, denn es beruht auf einer Sichtweise, die ganz grundlegend nicht mit der Realität übereinstimmt. Dieser Glaubenssatz impliziert, dass so wie du bist etwas falsch  mit dir ist. Du siehst Yoga als Problemlöser um dein ‚gebrochenes Selbst’ zu reparieren. Das ist aber nicht wahr! Mit dir ist alles vollkommen in Ordnung – außer deinem Glaubenssatz, dass mit dir etwas nicht stimmt. Mit solchen Hintergedanken untergräbst du deine eigene Praxis.

In diesem Paradigma soll Yoga einem ‚Selbst-Optimierungs-Projekt’ dienen, das aus dir einen ‚besseren Menschen’ machen soll. Wenn du ehrlich bist, steht dahinter der Gedanke, dass du nicht gut genug bist. Dieses Projekt ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt denn es steht auf wackligen Füßen: einer falschen Wahrnehmung deiner wahren Natur. In Wirklichkeit ist die Essenz deiner Natur bereits perfekt. Sie bedarf keiner Verbesserung. Dein Körper-Geist (body-mind) ist und bleibt unvollkommen. Es geht lediglich darum, genau das zu akzeptieren. Natürlich spricht überhaupt nichts dagegen, mit dem Körper-Geist zu arbeiten und daran zu feilen. Entscheidend ist, ob du dies unter der Vorgabe tust, erst dann wert zu sein, geliebt und akzeptiert zu werden, wenn du “anders” geworden bist. Auf diese Weise legst du dir nur selbst Steine in den Weg, bevor das Rennen überhaupt beginnt.

Wenden wir uns dem unreinen Motiv #2 zu:

Du praktizierst Yoga (oder eine andere spirituelle Disziplin) um dich gut zu fühlen, um ‚high’ zu werden und/oder um andere Bewusstseinszustände zu erreichen.

Vielleicht denkst du jetzt: „Wie bitte??? Ich dachte, genau das ist die Absicht von Yoga. Dass ich mich besser fühle in meinem Leben! Was bist Du für ein Yoga-Puritaner?“

Klar bewirkt Yoga dass wir uns gut fühlen, egal ob wir physisch oder mental praktizieren. Es ist absolut in Ordnung sich gut zu fühlen. Aber ist das das grundlegende Motiv für die Praxis? Wenn dem so ist – so sagt die Tradition – kann das endgültige Ziel nicht erreicht werden. Warum? Weil das Ziel darin besteht, vollständig zu deiner wahren Natur zu erwachen (bodha), frei von jeder Falschheit und Irrglauben (moksha). Um dieses Ziel zu erreichen, musst du nach Wahrheit streben, nicht nach Vergnügen oder Glückseligkeit.

Zielt deine Praxis (bewusst oder unbewusst) darauf ab dich gut zu fühlen, wirst du diejenigen Aspekte meiden, die dich mit Schmerz, Kummer und Sorgen konfrontieren. Willst du frei werden und erwachen, führt kein Weg an der Bereitschaft vorbei, alle Teile deines Selbst zu erkunden und anzunehmen. Nach Vergnügen zu streben und Schmerz zu umgehen hat nichts mit dem Pfad des Erwachens zu tun. Wenn du die Wahrheit mehr als alles andere suchst, wirst du es allerdings auch erfahren, denn Glückseligkeit (bliss, ānanda) ist ein natürliches Nebenprodukt der Erkenntnis der Wahrheit. Solltest du dann wiederum an der Glückseligkeit anhaften und diese mehr begehren als die Wahrheit, so bist du wieder auf dem Holzweg.

Im Paradigma dieses unreinen Motiv #2 führt uns der spirituelle Pfad zu ‚höheren Zuständen des Bewusstseins’. Ein Pfad, auf dem wir das weltliche transzendieren und zu den göttlichen Wesen werden, die zu sein wir bestimmt sind. Einer meiner Lehrer argumentiert sehr treffend: ‚Faszination für irgendwelche Zustände führt zu Abhängigkeit und Zwang (Knechtschaft)’. Es geht nicht darum, irgendein anderes Wesen zu werden, sondern vielmehr darum, die tiefgreifende liebevolle Akzeptanz für uns selbst zu erlangen, so wie wir sind. Dieser Pfad führt nicht zur Überwindung/Transzendenz des Gewöhnlichen, sondern dahin das Göttliche zu erkennen. Er erhebt dich nicht über den Rest der Menschheit, sondern du verankerst dich wahrhaftig in der Realität und liebst alles-was-ist.

Das unreine Motiv #3

… ist unter Yoga-Schülern weniger verbreitet, wohl aber unter Yoga-Lehrern (und anderen spirituellen Lehrern):

Du praktizierst Yoga (oder jede andere spirituelle Disziplin), um Macht über andere zu erlangen, um Freunde zu gewinnen und Menschen lenken zu können, oder um dein Ego durch Anerkennung und Bewunderung aufzuplustern.

Offensichtlich ist dieses Motiv nicht zielführend. Aus traditioneller Sicht ist Motiv 3 ein Unterpunkt zu Motiv 2, denn Macht und Einfluss fühlen sich ziemlich gut an. Allerdings sind solche Gefühle nur wie fader Abglanz der Glückseligkeit, die aus einer innigen Verbindung mit der Wahrheit deines fundamentalen Seins erwächst.


Was ist nun eine Reine Motivation? Die Reinen Motive sind die Gegenpole der drei Unreinen Motive. Sie bieten Beweggründe für eine Praxis die garantiert die gewünschten Früchte trägt.

Reine, pure Motive:

·     Du folgst dem Pfad auf der Suche nach der Wahrheit deines Seins, aus Liebe zu dir selbst und zum Wohle aller.

·     Du erkundest deine bereits vollständige, immanente, göttliche Natur, denn dies ist dein natürlicher Herzenswunsch und du bietest die Früchte deiner Erkenntnis allen Wesen dar.

·     Du gehst den Weg mit Ehrerbietung und Liebe, weil dies einfach deine Natur ist.

Die Reinen Motive werden hier auf drei unterschiedliche Arten erklärt, denn eine einzelne Formulierung reicht nicht aus, es perfekt auf den Punkt zu bringen. Ich lade dich ein darüber nachzudenken, auf welche Weise sie den drei o.g. Unreinen Motiven entgegenstehen.

Spirituelle Praxis ist nur dann effektiv, wenn das Motiv rein ist. Aber wie bereits gesagt, wir alle fangen mit einem oder mehreren der Unreinen Motive an. Daher beginnen wir traditionell jede Praxis mit dem Gebet: „Möge ich das wahre, reine Motiv haben“. Es geht nicht darum, so zu tun als wäre dein Motiv rein; bete und bitte einfach darum, strebe nach dem süßen Nektar, den das authentische Gefühl mit sich bringt dann es wird geschehen. Von da an werden alle spirituellen Praktiken in höchst überraschenden Maße an Effizienz gewinnen.

Das Reine Motiv zu erlangen ist der kraftvollste Wendepunkt für ein spirituelles Leben. Mögen alle, die diese Lehren lesen, den Nektar des Reinen Motivs erfahren. Und möge dies allen Wesen zugutekommen.

* Wer sich im buddhistischen Tantra auskennt wird erkennen, dass das Erlangen des Reinen Motivs dem Entwickeln von bodhichitta entspricht, dem Geist, der sich zum Wohle aller Wesen im Erwachen verneigt.

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